Faktencheck Homöopathie

Faktencheck: Können Krankenkassen bei Homöopathie sparen?

Die Gesundheitspolitik ordnet die Kassenleistungen neu und streicht bewährte naturheilkundliche Therapien. Seit Juli 2026 dürfen homöopathische und anthroposophische Arzneimittel nicht mehr kassenärztlich verordnet werden. Ab 2027 müssen Krankenkassen auch freiwillige Erstattungen streichen. Aber liefert dieser Schritt unseren Kassen tatsächlich die erhoffte finanzielle Entlastung?

Das Wichitgste auf einen Blick

  • Das neue Gesetz streicht die Erstattung homöopathischer Behandlungen und Arzneimittel schrittweise bis Januar 2027.
  • Dabei gaben die gesetzlichen Krankenkassen 2025 aufgerundet nur 0,01 Prozent ihrer Arzneimittelausgaben für Homöopathie aus.
  • Echte Kostentreiber belasten das Gesundheitssystem um ein Vielfaches stärker.
  • Mehrere Studien belegen: Homöopathische Begleittherapien senken die Behandlungskosten, statt sie zu erhöhen.

Politische Neuregelung: Was gilt ab 2026/2027?

Die Forderung nach Streichung der Homöopathie sorgte über Jahre hinweg für Diskussionen. Am 1. Juli 2026 entschied der Bundestag mit dem GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz schließlich über das endgültige Aus. Seit dem 30. Juli dürfen homöopathische Arzneimittel nicht mehr verordnet werden. Zum 01. Januar 2027 entfällt zudem jede freiwillige Kostenerstattung über die Satzungsleistungen der Kassen.[1]

Die Politik begründet diesen tiefen Einschnitt mit notwendigen Einsparungen für das Gesundheitssystem. Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) rechnete zuvor mit einem sieben Milliarden Euro Defizit für die Kassenhaushalte. Bereits im Mai 2023 forderte IKK-Chef Ralf Hermes deshalb Leistungskürzungen. Großes Sparpotenzial sah er schon damals vor allem bei der Homöopathie.[2]

Drei Jahre später setzte der Gesetzgeber diese Forderung nun um. Dabei verkennt die Politik die wesentlichen Baustellen unseres Gesundheitssystems völlig.

Homöopathie im Kassencheck: Die realen Zahlen

GKV Ausgaben 2025 Krankenkasse Beitragsstabilisierungsgesetz
Quelle: Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie e.V. (BPI). (2025). Pharma-Daten 2025.

Was geben die Kassen für Homöopathie aus?

Die gesetzlichen Krankenkassen verzeichneten im Jahr 2025 Gesamtausgaben von insgesamt 352,4 Milliarden Euro. Für Arzneimittel wurden davon knapp 58,49 Milliarden Euro ausgegeben.[3] Da der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) den Anteil mit 0,01 Prozent ausweist, können Homöopathika davon maximal knapp sechs Millionen Euro ausmachen. Ein winziger Anteil der Gesamtausgaben.[4]

Das angebliche Sparpotenzial

Die FinanzKommission Gesundheit (FKG) beziffert das theoretische Einsparpotenzial auf rund 40 Millionen Euro pro Jahr. Dem steht ein geplantes Gesamtsparvolumen von stolzen 19 Milliarden Euro gegenüber. Der erhoffte Spareffekt durch Streichung der Homöopathie macht somit lediglich 0,2 Prozent aus. Eine finanzielle Stabilisierung der gesetzlichen Krankenkassen bleibt damit reine Illusion.[5]

Echte Kostentreiber: Wo sich sinnvoll sparen lässt

Unser Gesundheitssystem investiert an vielen Stellen erhebliche Summen, ohne dass die Bevölkerung davon profitiert. Zwei Beispiele möchten wir hier vorstellen.

Spitzenklasse bei der Preisbildung

Die innovative Gentherapie Zolgensma® kam im Juni 2020 auf den deutschen Markt. Bis Ende 2022 galt es als das teuerste Arzneimittel der Welt und steht bis heute beispielhaft für extrem hochpreisige Therapien. Zolgensma® dient zur Therapie der Spinalen Muskelatrophie (SMA), einer schweren Erbkrankheit, die das Rückenmark angreift und Muskelschwund verursacht. Bis zu 100 Kinder pro Jahr kommen in Deutschland mit SMA auf die Welt.[6]

Der Preis für eine Behandlung mit Zolgensma® beträgt 2,6 Millionen Euro, unabhängig von der eingesetzten Dosis.[7] Eine einzige Behandlung beansprucht somit über 45 Prozent der jährlichen GKV-Ausgaben für Homöopathika (5,7 Mio. €). Der Hersteller Novartis konnte bereits kurz nach Markteinführung einen Gewinn von 2,5 Milliarden Euro verbuchen.[8]

Milliardengrab Corona-Impfstoffe

Für die Beschaffung von Corona-Impfstoffen stellte der Bund 13,1 Milliarden Euro bereit. Hersteller BioNTech erhöhte die Preise im Laufe der Pandemie um 50 Prozent.[10] Mindestens 132 Millionen ungenutzte Impfstoff-Dosen, die das Bundesgesundheitsministerium gehortet hatte, waren abgelaufen und mussten vernichtet werden.[10] BioNTech erzielte in den Jahren 2021 und 2022 einen Nettogewinn von 19,7 Milliarden Euro.[11]

Diese Liste ließe sich ohne Weiteres verlängern: Wucher, Verschwendung und Fehlinvestitionen prägen das deutsche Gesundheitssystem seit Jahren. Eine Studie der Europäischen Kommission fand 2021 heraus, dass unseres zwar das teuerste System in Europa ist, aber dennoch eher bescheidene Ergebnisse hervorbringt.[12]

Was Kassen und Versicherte verlieren

  • Bereits 2006 stellte ein umfassender wissenschaftlicher Bericht im Auftrag der Schweizer Regierung fest:  Homöopathie ist nicht nur wirksam und sicher, sondern auch wirtschaftlich, insbesondere im Vergleich zu konventionellen Therapien.[5]

  • Eine Studie aus 2014 wertete die Daten von 1,5 Millionen Versicherten in den Niederlanden aus. Sie fand heraus, dass es Patienten mit naturheilkundlicher Therapie mindestens genauso gut geht wie mit rein konventioneller Behandlung. Dabei gaben die Kassen mit Homöopathie weniger Geld aus als ohne.[13]

  • 2014 wurde die Kosteneffizienz der Homöopathie in einer systematischen Übersichtsarbeit untersucht: In acht von 14 Studien fanden die Forscher gesundheitliche Verbesserungen, die denen der ausschließlich schulmedizinisch behandelten Kontrollgruppe ähnelten, bei geringeren Kosten.[14]

  • Eine Untersuchung aus 2015 verglich rein schulmedizinisch und primär homöopathisch arbeitende Arztpraxen in Frankreich. Sie konstatierte 20 Prozent geringere Kosten für die gesetzliche Krankenversicherung in der Homöopathie-Gruppe.[15]

  • Eine Studie mit 2.524 Versicherten der Techniker Krankenkasse aus 2020 belegte die Kosteneffektivität der Homöopathie bei Kopfschmerzen, Neurodermitis und Depressionen.[16]

  • 2022 veröffentlichte die deutsche Securvita Daten von 15.700 Versicherten, die sich mindestens drei Jahre lang regelmäßig homöopathisch behandeln ließen. Es „zeigte sich bei fast allen untersuchten Indikationen und Gruppen eine positive Entwicklung im Sinne von sinkender Morbidität und abnehmender Inanspruchnahme von Krankenversicherungsleistungen“ im Vergleich zu ausschließlich schulmedizinisch Behandelten.[17]

Mit der Erstattung von Homöopathie kann die GKV also Geld sparen. Die Versicherten sind langfristig gesünder, als wenn sie rein konventionell therapiert werden und verursachen dadurch weniger Kosten. Die Streichung ändert daran nichts. Sie verschiebt die Kosten lediglich zu den Versicherten selbst.

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Fazit: Fakten statt Symbolpolitik

Die Ausgaben der GKV für Homöopathie sind äußerst gering. Wissenschaftliche Untersuchungen stellen mehrheitlich fest, dass das Geld der Versicherten bei dieser Therapieform vergleichsweise gut angelegt ist. Ein relevantes Sparpotential für das Gesundheitssystem bieten ganz andere Baustellen.

Eine Streichung schont den Kassenhaushalt also kaum, trifft aber Millionen Patienten, die diese Therapieform bislang über die GKV in Anspruch nehmen konnten. Das Kassen-Aus für Homöopathie ist zwar politisch beschlossen. Die Entscheidung zeigt jedoch von unwissenschaftlichen Motiven und missachtet die Interessen der Bevölkerung.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Warum erstatten gesetzliche Krankenkassen ab 2027 keine Homöopathie mehr?

Der Bundestag beschloss im Juli 2026 das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz. Damit dürfen Krankenkassen die Leistungen ab dem 01. Januar 2027 weder als freiwillige Satzungsleistung noch über Verträge der besonderen Versorgung finanzieren. Die Gesundheitspolitik begründet diesen Schritt offiziell mit Sparmaßnahmen.

Welche Leistungen der Krankenkassen entfallen?

Im Zuge des GKV-Beitragsstabilisierungsgesetzes zieht sich die gesetzliche Krankenkasse schrittweise aus der Finanzierung homöopathischer Leistungen zurück. Damit entfällt die Kassenfinanzierung für homöopathische Erst- und Folgeanamnesen, Akutbehandlungen sowie naturheilkundliche Beratung.

Wie kann man homöopathische Behandlungen und Arzneimittel weiterhin beziehen?

Homöopathische Behandlungen und Arzneimittel bleiben vollumfänglich weiterhin verfügbar, müssen jedoch privat finanziert werden. Alternativ empfiehlt sich eine private Zusatzversicherung in Betracht zu ziehen. Relevant sind dabei insbesondere Tarife für ambulante Naturheilverfahren, die Leistungen von Heilpraktikern und Ärzten mit Zusatzbezeichnung „Homöopathie“ erstatten.

Eine aktuelle Übersicht privater Zusatzversicherungen gibt es auf der Seite des Bundesverband Patienten für Homöopathie e.V. (BPH).

Wie hoch lagen die realen Kassenausgaben für Homöopathie?

Die gesetzlichen Krankenkassen zahlten 2025 rechnerisch maximal rund sechs Millionen Euro für homöopathische Präparate. Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) weist deren Anteil mit lediglich 0,01 Prozent der gesamten GKV-Arzneimittelausgaben (58,49 Milliarden Euro) aus. Die finanzielle Entlastung der Krankenkassen bleibt damit eine Illusion.

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Der Experte hinter diesem Artikel

Dr. Jens Behnke

Dr. Jens Behnke

Dr. Jens Behnke studierte Kommunikationswissenschaft und Philosophie und promovierte an der Europa-Universität Viadrina zur Forschung in der Komplementärmedizin.

Als Programmleiter bei der Karl und Veronica Carstens-Stiftung verantwortete er acht Jahre lang die Steuerung klinischer Forschungsprojekte, den Aufbau internationaler Kooperationen sowie die Wissenschaftskommunikation im Bereich Naturheilkunde. Er ist Autor, Speaker und steht Medien als Experte für evidenzbasierte Integrative Medizin zur Verfügung.

Nach seiner Tätigkeit als Leiter Marketing und Wissenschaftliche Kommunikation bei Dr. Reckeweg & Co. leitet er seit 2023 die Bereiche Außendienst, Key Account Management und Kommunikation bei Pflüger.

Quellen

[1] Bundesministerium für Gesundheit. (2026). Bundestag beschließt GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz. Pressemitteilungen. 

[2] J. Klöckner. (2023). Kassenchef fordert drastische Leistungskürzungen für Patenten. Handelsblatt.

[3] Bundesministerium für Gesundheit. (2026). Finanzentwicklung der GKV im 1.-4. Quartal 2025. Pressemitteilungen. Anlage 1: Finanzielle Entwicklung in der Gesetzlichen Krankenversicherung einschließlich der landwirtschaftlichen Krankenkasse im 1.-4. Quartal 2025.

[4] Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie e.V. (BPI). (2025). Pharma-Daten 2025.

[5] G. Bornhöft & P.F. Matthiessen [Hrsg.] (2006). Homöopathie in der Krankenversorgung - Wirksamkeit, Nutzen, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit.

[6] Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). (2021). AMNOG – Nutzenbewertung von Arzneimitteln gemäß § 35 a SGB V.

[7] N. Kohzer. (2020). Zolgensma: Das teuerste Arzneimittel der Welt ist nun in Deutschland auf dem Markt. BKK Dachverband.

[8] T. Szent-Ivanyi. (2021). Zwei Millionen Euro für eine Infusion. Frankfurter Rundschau.

[9] M. Grill. (2023). Corona-Pandemie: 13,1 Milliarden Euro für Impfdosen. Tagesschau.

[10] Deutsches Ärzteblatt [Hrsg.]. (2024). Rund 132 Millionen Dosen Coronaimpfstoff entsorgt.

[11] G. Kirschstein. (2023). Biontech in Mainz auch 2022 mit Milliardengewinnen – 2023 Umsatz von fünf Milliarden mit Covid-19-Impfstoff erwartet. Mainz&.

[12] European Commission. (2021). State of Health in the EU – Deutschland: Länderprofil Gesundheit 2021.

[13] E.W. Baars & P. Kooreman (2014). A 6-year comparative economic evaluation of healthcare costs and mortality rates of Dutch patients from conventional and CAM GPs. BMJ Open, 4, e005332.

[14] P. Viksveen, Z. Dymitr & S. Simoens. (2014). Economic evaluations of homeopathy: a review. Eur J Health Econ. 15(2):157-74.

[15] A. Colas et al. (2015). Economic impact of homeopathic prac-tice in general medicine in France. Health Econ Rev. 2015; 5: 18.

[16] B. Kass, K. Icke, C.M. Witt & T. Reinhold. (2020). Effectiveness and cost-effectiveness of treatment with additional enrollment to a homeopathic integrated care contract in Germany. BMC Health Serv Res. 20(1):872.

[17] Securvita. (2020). Securvita-Studie zur Homöopathie: Wirtschaftlich und wirksam.